Markus Roy_St. Fidelis:

 

Lass mich niemals hassen“

 

(anlässlich des Hundertjährigen von Kirche, Kloster und Studienseminar St. Fidelis)

 

Schrifttext

 

Lesung aus der Offenbarung des Johannes.

 

So spricht er, der Erste und der Letzte, der tot war und wieder lebendig wurde. Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut, und doch bist du reich. Fürchte dich nicht. Sei treu bis in den Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben.

 

Wort des lebendigen Gottes. Dank sei Gott.

 

 

Predigt

 

 

Treu bis in den Tod hinein? Dann bekommst du die Krone des Lebens? Angefangen hat das Leben von Markus Roy, der später Fidelis hieß, nicht gerade königlich. 1578 ist er geboren, aufgewachsen im Wirtshaus: Sein Vater war der Wirt am Marktplatz in Sigmaringen, das ist in Baden-Württemberg. Von seiner Mutter hatte Markus nicht so viel, sie hat die Familie verlassen, als er noch klein war. Ein kluger Bub, er durfte aufs Gymnasium, hat Abi gemacht und ist an die Uni. Jura hat er sich fürs Studium ausgesucht, Rechtswissenschaften. Aber mitten im Studium ist er abgehauen und erst mal jahrelang mit Freunden durch Europa gereist. Als er zurückkam, um fertigzustudieren, da hat ihm eine Pandemie einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht. Wir kennen das ja von Corona. Bei Markus war’s die Pest in Freiburg. Er musste sich erst mal eine andere Uni suchen, Professoren, die ihn aufnahmen und sagten, gut, wir nehmen dich auf, du kannst bei uns weiterstudieren. Hat Examen gemacht, noch ein Philosophiestudium draufgesattelt und in beiden Fächern promoviert: Dr. jur. Dr. phil. Markus Roy. Er wurde Anwalt, ein erfolgreicher Anwalt, wie man liest: Er konnte gut reden. Und er war beliebt bei den Armen. Das lag daran, dass er auch Leute verteidigt hat, die sich eigentlich gar keinen Anwalt leisten konnten. Das war die Mehrheit damals. Wenn einer nicht das Geld hatte, sich einen guten Anwalt zu nehmen oder eventuell auch einen Richter zu bestechen: Pech gehabt. Den Armen blieb oft ihr Recht verwehrt, weil die Reichen sich vor Gericht einfach besser durchsetzen konnten. Es war unfair, total ungerecht, tja, so ist das Leben eben, das wissen wir auch.

 

 

Dass sogar Richter bestechlich waren und man vor Gericht oft um sein Recht betrogen wurde - das hat Markus Roy total frustriert. Das hat er nicht lange ausgehalten. Nach einem Jahr war er so fertig mit der Welt, dass er alles hingeschmissen hat, gesagt: So hab ich mir das nicht vorgestellt. Das mach ich nicht mehr länger mit. Vielleicht hat er sich gedacht: Ich hätt das gar nicht studieren sollen, hätt ich nie gemacht, wenn ich gewusst hätte, wie’s hier so zugeht. Vielleicht wusste er dann auch nicht gleich, wie’s jetzt weitergehen soll.

 

Markus hatte einen älteren Bruder, der war ein paar Jahre vorher in ein Kloster eingetreten. Bei den Kapuzinern in Freiburg. Und der war dort zufrieden. Vielleicht hat er sich deshalb gedacht, das könnt ich auch versuchen, vielleicht ist das was für mich. Er ging also in ein stilles Kloster. Meditation, Gebet, um den inneren Frieden zu finden, einen auf der Suche nach sich selbst. So wie wir es heute immer noch machen, als junge Menschen und als Erwachsene, uns fragen: Wofür leb ich eigentlich, was ist mir wichtig, wie find ich meinen Sinn, mein Lebensglück? Danach suchen wohl irgendwie alle Menschen, die, die in ein Kloster gehen, genau wie die, die das nicht tun: einen guten Weg für einen selbst, wo man das Gefühl hat, der passt für mich, hier find ich meinen Frieden, mit mir selbst und mit der Welt.

 

Wenn man in ein Kloster eintritt, bekommt man einen neuen Namen, einen Ordensnamen. Bei Markus Roy kam der neue Name von der Bibelstelle, die man ihm damals als Motto mitgegeben hat: Esto fidelis usque ad mortem, sei getreu bis in den Tod hinein. Das steht im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes. Es wurde in einer Zeit der Christenverfolgungen geschrieben: Bleib treu bis zum Tod. Bleib bei deinen Idealen – auch, wenn andere sie nicht gut finden, weil sie vielleicht ganz andere Ideale haben. Bleib dir treu, auch wenn andere dich dafür kritisieren, dir vielleicht Steine in den Weg legen oder dich ablehnen. Find deinen eigenen Weg. Leb so, wie du es für richtig hältst. Tu das, was dir wirklich wichtig ist. So kannst du den inneren Frieden finden, den alle Menschen suchen: den Frieden mit dir und der Welt.

 

 

Fidelis war ein friedliches, menschliches Zusammenleben wichtig. Das konnte er finden bei den Kapuzinern, die der Regel des Heiligen Franz von Assisi folgen, bis zum heutigen Tag. Und er konnte ein klein wenig „die Welt verbessern“, sich für Gerechtigkeit und Fairness einsetzen: durch Fürsorge für arme und kranke Menschen. Ganz oft klopften welche an der Klosterpforte an und baten um Hilfe, so wie sie es heute in Klöstern immer noch tun. Wenn ihr vom Pausenhof Fidelis durch den Maschendrahtzaun rüberschaut, wo jetzt die Studenten wohnen, zwischen Schulgebäude und Kirche, da war ja das Kapuzinerkloster. Da gehen ein paar Stufen hoch zu einer Tür, daneben hängt ein Glockenzug: Dort konnte man bestimmt früher läuten, wenn man Hilfe gebraucht hat, und fragen: um was zu essen, etwas Geld, vielleicht auch nur nach jemandem, mit dem man in Ruhe reden konnte, der Zeit hatte für ein Gespräch. So ähnlich war das bei Fidelis im Kloster wohl auch.

 

Später bekam er noch eine weitere Aufgabe: Er sollte gegen die Reformation zu predigen. Das bedeutet, er sollte reformierte Gläubige motivieren und überzeugen, zum katholischen Glauben zurückzukehren. Christen der verschiedenen Konfessionen haben sich damals bekämpft. Und in all den Wirren, Kämpfen und Konflikten ist er schließlich umgekommen, im Jahr 1622. Er wurde erschlagen von Leuten, die dachten, ihr Glaube sei besser als der seine.

 

War Fidelis nun getreu bis zum Tod? Und hat er die Krone des Lebens bekommen? Was er sich wohl darunter vorgestellt hat, unter „treu sein bis zum Tod“? Vielleicht so was Ähnliches wie wir heute: nicht verzweifeln. An sich selbst nicht und auch nicht an der Welt. Die eigenen Ideale hochhalten. Sehen, dass die Welt nicht in Ordnung ist, absolut nicht, dass das Leben zu vielen Menschen unfair ist, einfach ungerecht – und trotzdem weiter an die Gerechtigkeit glauben. Fidelis musste zuschauen, wie Christen sich gegenseitig  bekriegen – und hat trotzdem an den Frieden geglaubt, an die Mitmenschlichkeit. Wir müssen heute zuschauen, wie in Afghanistan und anderswo die Konflikte wieder zunehmen. Wir schauen zu, wie der Klimawandel die Lebensgrundlagen verschlechtert, besonders für die ärmere Weltbevölkerung, die am wenigsten dafürkann. Wir wollen die Probleme sehen – und dabei die Hoffnung nicht verlieren, nicht aufgeben. Die eigenen Ideale nicht verraten. Uns selber treu bleiben, auch wenn‘s schwer ist: Esto fidelis usque at mortem, sei treu bis in den Tod hinein. Und so den eigenen Frieden finden. Der innere Frieden: Der könnte doch echt die Krönung eines Lebens sein. Ganz sicher ist er ein göttliches Geschenk. Vielleicht erinnert uns die Inschrift über dem Eingang zu Sankt Fidelis dran, wenn wir wieder drunter durchgehen: Esto fidelis, bleib dir treu, dann kannst du den Frieden mit dir und der Welt finden.

 

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